11g: Der Mond kommt nach Basel

Text: Severin Rüegg

Den ersten Menschen auf dem Mond zu sehen war überwältigend, auch für Stefan Graeser, den Kurator am Naturhistorischen Museum Basel. Ein Mensch auf einem anderen Himmelskörper als auf der Erde, es war unglaublich.

Die Mondlandung verfolgte er beim italienischen Abwart des Mehrfamilienhauses mit den Nachbarn zusammen. Aber auf das Hochgefühl kam auch die Ernüchterung. Eine grosse Enttäuschung sei es gewesen. Soviel sei denkbar gewesen und dann nichts. Also nicht Nichts, aber nichts Neues, Unbekanntes.

Blickt Stefan Graeser auf die erste Mondlandung zurück, dann spricht er auch von der Erwartung als Geologe. Mit grossem Aufwand waren 22kg Mondgestein und Mondstaub auf die Erde gebracht worden. Als man sie untersuchte, wiesen sie aber keine unbekannten Mineralien auf. Seine Neugier auf neue chemische Elemente war enttäuscht worden.

Mondgestein der Apollo 11 Mission im Transportbehälter. NASA, ID: s69-45519
Mondgestein der Apollo 11 Mission im Transportbehälter. NASA, ID: s69-45519

Das kam nicht völlig überraschend, denn bereits 1966 landeten die Sonden Luna 9 und Surveyor 1 auf dem Mond. Letzterer hatte ferngesteuert erste Bodenproben genommen und analysiert. Solche Experimente gaben bereits Hinweise über die Beschaffenheit des Bodens und halfen für die erste Mondlandung eines Menschen die Vorbereitungen zu treffen, etwa optimale Landeplätze zu suchen. Aber auch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten sich auf eine baldige Mondmission vorbereiten und der NASA ihre Vorschläge für Untersuchungen und Experimente unterbreiten. Ein Gremium entschied welche Tests interessant schienen und als die Apollo 11 schliesslich das Gestein auf die Erde brachte, wurde alles feinsäuberlich abgemessen und verteilt. Auch wenn sich Stefan Graeser etwas ganz Neues gewünscht hatte, so war auch er beeindruckt vom Wissensgewinn, der in so kurzer Zeit entstand.

Die Astronauten (L-R) Aldrin, Armstrong und Collins  verlassen den Bergungshubschrauber auf der U.S.S. Hornet nach ihrer Landung im Pazifischen Ozean. NASA, ID: 6901225
Die Astronauten (L-R) Aldrin, Armstrong und Collins verlassen den Bergungshubschrauber auf der U.S.S. Hornet nach ihrer Landung im Pazifischen Ozean. NASA, ID: 6901225

Auf der offiziellen Konferenz der Mondforschung 1970 in Houston waren 1000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anwesend, es waren in der kurzen Zeit 143 Forschungsarbeiten von 618 Autorinnen und Autoren entstanden: Eine enorme Leistung ganz unterschiedlicher Disziplinen.

Auch die Universität Bern mit dem berühmten Sonnenwind-Experiment und die ETH Zürich mit einer Methode zur Flugbahnberechnung und mehrere Untersuchungen im Bereich der Kristallographie und Petrographie waren an der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Mondmission beteiligt.

So kam es 1970 in der ETH auch zu einer kleinen Ausstellung zu den Ergebnissen der Untersuchungen des Mondgesteins. Stefan Graeser bemühte sich als Kurator am Naturhistorischen Museum Basel die Ausstellung nach Basel zu bringen. Sie wurde etwas umgestellt und eine Vielzahl an Abendführungen sollten die sehr technischen Forschungsresultate für ein breites Publikum verständlich machen. Glanzstück der Ausstellung war aber etwas Mondstaub oder genauer 11g. Was deutlich weniger ist als die Kaffeemenge in einem Espresso.

Illustration des Saturn Apollo Programms. NASA, ID: 6902074
Illustration des Saturn Apollo Programms. NASA, ID: 6902074

Das Material war auf Grund der beschränkten Menge kostbar und wurde vom Botschafter mit polizeilicher Begleitung dem Museum übergeben. Eigentlich war auch eine Bewachung Tag und Nacht gefordert gewesen, aber das war für das Museum zu aufwendig, so dass man sich mit der NASA darauf einigte die Probe über Nacht im Tresor einzuschliessen. Gemäss Stefan Graeser wurde das Gestein mit abnehmendem Enthusiasmus eingeschlossen und blieb teilweise auch über Nacht in der Vitrine. Auch die Leihgeber waren am Ende der Ausstellungsdauer nicht mehr so besorgt um die 11g. So konnte schliesslich der Kurator das Material in seinem eigenen Auto nach Bern zurückbringen, ganz ohne polizeiliche Begleitung.

Autor

Severin Rüegg berät und realisiert Ausstellungen, Publikationen und Veranstaltungen und betreut in Vertretung die Webredaktion von Stadt.Geschichte.Basel und die Sozialen Medien.

Quellen

NASA Image and Video Library gibt Zugang zu über tausend Dokumenten in Bezug zu Apollo 11.

Staatsarchiv Kanton Basel-Stadt hat eine Reportage zur Ausstellung im Naturhistorischen Museum Basel im Fotoarchiv Hans Bertolf

ETH-Bibliothek Zürich verfügt über Bilder zur Ausstellung in Zürich.

 

Hoffmann, Claudia. Dem Mond so nah: Im Bann der Anziehungskraft unseres Erdtrabanten. Explora. ETHZ. 13.06.2019

«Ich stehe lieber auf dem Boden» Portrait des Ingenieurs Ernst Nussbaumer in der Riehener-Zeitung. 16. Juli 1999.

Bern im All. Online Plattform zum Jubiläum von Apollo 11 und des Sonnensegels aus Bern.