Johannes Alexander und die „Mohrentaufe“

Text: Susanna Burghartz

„Ein geborener Heyde und Schwarzer aus dem Reich des grossen Mogols gebürtig, welcher von seinem Herrn, als damah[li]gem Hauptmann in Diensten der Königl[ich] Engl[ischen] Ostindischen Compagnie, als ein junger Sclave aus Ostindien auf Basel gebracht, in der Christlichen Religion unterwiesen und den 27sten May 1759 in der Pfarr=Kirche zu St. Leonhard getauft worden und diesen Sommer auf seines Herrn Landguth seelig verstorben.“

Wöchentliche Nachrichten aus dem Bericht=Haus zu Basel, Nr. 52, 27.12.1764. UBB
Wöchentliche Nachrichten aus dem Bericht=Haus zu Basel, Nr. 52, 27.12.1764. UBB

So informierte das Basler Avisblatt am 27. Dezember 1764 seine LeserInnen unter der Überschrift „Merkwürdigkeiten“ über den Tod von Johannes Alexander. Der erst 15jährige bengalische Sklavenjunge war im August desselben Jahres auf einem Landgut bei Reigoldswil gestorben.

Johannes Alexander ist eines der wenigen Beispiele für die Anwesenheit farbiger Nicht-Europäer in der Alten Eidgenossenschaft und der einzige bekannte Kindersklave, den ein Basler Offizier aus seinem Kolonialeinsatz in die Heimat zurückbrachte.

Der «Mohrenknabe» als Beute?

Tatsächlich handelte es sich also bei Johannes Alexander um eine denkwürdige Geschichte. Entsprechend berichtete auch der Kleinbasler Chronist, Johann Heinrich Bieler, in seinem Tagebuch zum 17. September 1758 über die Rückkehr von Johann Rudolf Wagner, dem Herrn des jungen Sklaven: Als Koch hatte der Sohn von Landvogt Wagner die Stadt verlassen und acht Jahre als Offizier in englischen Diensten gestanden. Dann war er mit einem 7 1/2jährigen «Mohrenknaben» und einer «schönen» Beute von über 80'000 Gulden «bei seinem Vater erfreulich» zurückgekommen. Das hatte vermutlich einiges Aufsehen in Basel erregt. Jedenfalls berichtete Bieler nur acht Monate später zum 27. Mai 1759 über die Taufe des «vor einem Jahr aus Bengalen mitgebrachten neunjährigen Mohren-Knab» durch Pfarrer Zwinger zu St. Leonhard im Beisein einer grossen Menschenmenge. Die Taufzeremonie sei so ergreifend gewesen, dass die meisten in der Kirche Anwesenden «sich des Weinens nicht haben enthalten können».

Über die Geschichte von Baslern im Dienst der englischen und niederländischen Ostindienkompagnien wissen wir noch immer viel zu wenig. Dennoch fügt sich das Beispiel von Wagner relativ nahtlos in die Forschung zur mehr oder weniger direkten Beteiligung von Basler Kaufleuten am Sklavenhandel ein, die in den letzten Jahren vor allem für die Zeit um 1800 aufgearbeitet worden ist.

Taufpredigt. StaBL:  E 9.1.15.02 Kirchenbücher, Bretzwil
Taufpredigt. StaBL: E 9.1.15.02 Kirchenbücher, Bretzwil

Die Geschichte einer Seelenrettung

Im Sterberegister von Bretzwil hielt der Pfarrer beim Tod von Johannes Alexander fest, weitere Informationen zum indischen Jungen seien der im Druck erschienen Taufpredigt zu entnehmen. Pfarrer Zwinger hatte sie unter dem Titel «Die grosse Glückseligkeit der Christen vor den Heiden» veröffentlicht. In dieser immerhin dreizehnseitigen Predigt unterstrich Zwinger im Beisein der drei Taufpaten – Herrn Johann Robert Ritter, Grossrat und gewesener Landvogt auf Homburg, Herrn Johann Rudolf Wagner (Besitzer von Johannes Alexander) und Frau Anna Catharina Kern, geborene Ottendorfin –  die Bedeutung der Bekehrung von Heiden und lobte explizit diejenigen Obrigkeiten, die geeignete Institutionen zur Heidenmission förderten. Kritisch beurteilte er die vom Geiz getriebenen, hartherzigen Sklavenbesitzer, die ihre Sklaven für weniger Wert als Vieh hielten und denen am Seelenheil dieser Menschen nicht gelegen war. Umso positiver erschien dem Prediger das leuchtende Beispiel der Taufe in der Leonhardskirche.

Leonhardskirche in Basel, Blick auf den Altar. Bild: Archäologische Bodenforschung, Philippe Saurbeck
Leonhardskirche in Basel, Blick auf den Altar. Bild: Archäologische Bodenforschung, Philippe Saurbeck

Kindheit und Versklavung

Mit knappen Worten berichtete der Pfarrer der Taufgemeinde vom traurigen Schicksal des fremden Kindes. Vor 9 bis 10 Jahren wurde Johannes Alexander als Sohn heidnischer Eltern im Mogulreich geboren. Sein Vater starb, als der Knabe drei Jahre alt war. Ein Jahr später starb auch die Mutter vor Kummer und Armut. Das Kind wurde von der Grossmutter aufgenommen und im «heidnischen Götzendienste erzogen.» Als der Knabe fünf Jahre alt war, so der Pfarrer weiter, kam ein «ruchloser schwartzer Menschen=Händler» ins Dorf und überredete ihn mit nach Chandarnagor in der Nähe von Kalkutta zu kommen. Dort verkaufte er den Jungen für wenig Geld an eine portugiesische Frau, die ihm weder zu essen noch zu trinken gab. Der Mogulknabe schien verloren. Hier nun kam der Basler Hauptmann ins Spiel, der als Offizier der East India Company gerade dank göttlicher Vorsehung in der Nähe der Portugiesin sein Quartier bezogen hatte. Als er das Elend des Kindes sah, kauft er noch am gleichen Tag den Knaben seiner portugiesischen Peinigerin für 80 Taler ab und brachte ihn den weiten Weg über Meer und Land «bis hieher in die Schweitz».

Erfolgreiche Bekehrung

Zurück in der Heimat liess Wagner den Knaben Deutsch lernen und im christlichen Glauben unterweisen. So konnte der Junge nun im Alter von etwa zehn Jahren «ein hertzliches Verlangen» zum Ausdruck bringen, durch die Heilige Taufe «Christo Jesu, seinem Heilande einverleibt zu werden.» Damit war ein ausgesprochen erfolgreicher Bekehrungsakt gelungen, verlangte doch der Knabe selbst aus Einsicht und freien Stücken in die reformierte Kirche Basels aufgenommen zu werden. Und auch wenn «dem Täufling die teutsche Sprache noch etwas schwer fiel», konnte er doch die «kurzt und einfältig» gehaltenen Fragen zu seinem christlichen Glauben unerschrocken und mit klarer Stimme als wahrer Neuchrist beantworten.

«Frage: Sind nicht viele Götter?

Antwort: Nein; es ist nur ein Gott.

Frage: Wie heisset dieser einige Gott?

Antwort: Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Frage: Sind das nicht drey Götter?

Antwort: Nein es ist nur ein Gott, aber drey Persohnen.»

«Wilt Du keine heidnische Götter mehr anbeten?

Antwort: Nein.

Frage: Warum nicht?

Antwort: Weil sie nicht sehen, nicht hören, und mir nicht helffen können.»

Die umfangreiche Befragung des Täuflings gehörte zum Ritual einer solchen aussergewöhnlichen Bekehrungstaufe. Sie machte deutlich, wieviel Wert die reformierte Kirche auf die Einsicht des Heiden und seine sichtbare, nachvollziehbare Bekehrung legte. Zum Schluss wurde der Knabe gefragt, welchen Namen er sich als Taufname wünsche.

Andreas Zwinger. Die grosse Glückseligkeit der Christen vor den Heiden,  Joh. Heinrich Decker, der Löbl. Universität Buchdrucker, 1759. UB Basel
Andreas Zwinger. Die grosse Glückseligkeit der Christen vor den Heiden, Joh. Heinrich Decker, der Löbl. Universität Buchdrucker, 1759. UB Basel

Antwort: Johannes Alexander

Der lange Taufgottesdienst endete mit abschliessenden Ermahnungen: Johannes Alexander sollte freudig als Christ nach Hause gehen, ein tugendsames Leben führen, sich seinem gütigen Herrn gegenüber dankbar erweisen und ihm besondere Ehrerbietung, Liebe, Treue und Gehorsam entgegenbringen. Die Taufzeugen wurden ermahnt, dem Täufling aus der Fremde mit Rat und Hilfe beizustehen. Abschliessend rief der Pfarrer die gesamte Taufgemeinde auf, dem neuen Gemeindemitglied kein schlechtes Beispiel zu geben, und den «neu=bekehrten und noch schwachen Knaben» nicht mit Worten oder Werken zur Sünde zu reizen oder zu verführen. Das lässt sich als allgemeine Ermahnung lesen, einen christlichen Lebenswandel zu führen, aber auch als besondere Aufforderungen, den fremden Knaben nicht als ehemaligen Heiden zu diskriminieren. Ob dies gelang, wissen wir nicht. Eben so wenig ist bekannt, wie es Johannes Alexander bei seinem Herrn in Basel und auf dem Gorisen erging. Bekannt ist nur, dass er dort schon fünf Jahre später starb.

Die Geschichte des «Mogulknaben» Johannes Alexander zeigt, dass auch im vormodernen Europa, in der Alten Eidgenossenschaft und selbst im oberen Baselbiet farbige Menschen nicht völlig unbekannt waren. Der Fall Johannes Alexander macht aber auch deutlich, dass Sklaven für die Basler und Baselbieter nicht nur ein weit entferntes Phänomen ausserhalb von Europa blieben. Vielmehr waren Kaufleute, Offiziere und vor allem Indiennefabrikanten mehr oder weniger direkt in die frühe globale Wirtschaft, den interkontinentalen Handel zwischen Asien, Afrika, Europa und Amerika und in koloniale Unternehmungen involviert. Wie umfangreich dabei die Integration der Basler Protoindustrialisierung und der mit ihr zugleich entstehenden frühen Konsumgesellschaft in die globalisierte Weltwirtschaft war, die Sven Beckert als «Kriegskapitalismus» bezeichnet hat, ist derzeit noch eine offene Frage.

Autorin

Susanna Burghartz, ist Professorin für Geschichte der Renaissance und der Frühen Neuzeit am Departement Geschichte der Universität Basel. Sie ist Teil des Herausgebergremiums der Stadt.Geschichte.Basel.

Nachweise

Die Kirchenbücher der Gemeinde Bretzwil sind einsehbar im Staatsarchiv Basel-Land: E 9.1.15.02 Kirchenbücher, Bretzwil.

Die "Wöchentliche Nachrichten aus dem Bericht=Haus zu Basel, Nr. 52, 1764" sind in der UB Basel zugänglich.

Andreas Zwinger. Die grosse Glückseligkeit der Christen vor den Heiden, Joh. Heinrich Decker, der Löbl. Universität Buchdrucker, 1759. UB Basel

Althaler, Birgit; David, Thomas; Etemad, Bouda; Schaufelbuehl, Janick Marina. Schwarze Geschäfte: die Beteiligung von Schweizern an Sklaverei und Sklavenhandel im 18. und 19. Jahrhundert. Zürich 2005.

Beckert, Sven. King Cotton: eine Geschichte des globalen Kapitalismus. München 2014

Haenger, Peter; Labhardt, Robert; Stettler, Niklaus. Baumwolle, Sklaven und Kredite : die Basler Welthandelsfirma Christoph Burckhardt & Cie. in revolutionärer Zeit (1789-1815). Basel 2004

Kuhlmann-Smirnov, Anne. Schwarze Europäer im Alten Reich: Handel, Migration, Hof. Göttingen 2013.